Beim Stammtisch „Initiative Zukunft Görtschitztal“

Veröffentlicht am 02.04.2015 um 10:25

Heute traf sich um 18.30 die „Initiative Zukunft Görtschitztal“ in Eberstein beim Gasthof Liegl. Runds 60 engagierte Menschen, die versuchen, mehr über die Ursachen für die HCB-Emissionen in Wietersdorf herauszufinden, die Auswirkungen für Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft zu ergründen, Maßnahmen zu besprechen und einen Weg für die Zukunft zu skizzieren.

Heute gibt es einen sehr interessanten Vortrag von der Ärztin Dr. Bernadette Liegl-Atzwanger. Sie ist selbst Mutter von zwei Kindern, die täglich Milch aus dem Görtschitztal getrunken haben und jetzt erhöhte HCB-Werte im Blut haben. Sie stellt das Thema sehr umfassend dar, erklärt die Gefahren und interpretiert die Blutwerte um einiges kritischer als die Experten und Verantwortlichen von Land und Umweltbundesamt.

Dann kommen Fragen, viele Fragen. Viele der heute Anwesenden haben selbst recherchiert und Informationen zusammengetragen. Hier geht es darum, das Wissen auszutauschen, Initiativen zu setzen und sich gegenseitig unterstützen. Und die Sache selbst in die Hand zu nehmen, konkrete Maßnahmen zu setzen, wie der Organisator des Stammtisches Ed Wohlfahrt immer wieder betont.

Das Gespräch kommt auf das Thema Quecksilber, weil ja Quecksilber-Emissionen im Zementwerk sowohl bei der Abfallverbrennung als auch bei der (jetzt gestoppten) Blaukalkverwertung auftreten. Neue Grenzwerte der EU haben jetzt das Werk gezwungen zu handeln, einen Quecksilberfilter für die Abluft zu installieren. Einer der Anwesenden weiß zu berichten, dass dieser Filter erst nicht in Betrieb gehen durfte, weil er zu viel Lärm verursachte. Ein anderer kann ergänzen, dass es nun doch einen vorerst bis zum Jahr 2017 gültigen Bescheid für den Quecksilber-Aktivkohlefilter gibt. Dadurch soll sich die Luftqualität zumindest in dieser Hinsicht verbessern.

Eine Bäuerin fragt, wie es in der Landwirtschaft weitergehen soll, nachdem tortz Futtermittelaustausch die HCB-Werte in der Milch zwar zurückgegangen aber immer noch zu hoch sind. Hier muss wohl erst einmal abgewartet werden, ob die Futtermittelqualität beim ersten Aufwuchs im Grünland passt, dann kann weiter geplant werden. Wenn die Belastungen der Tiere dann immer noch hoch sind, wird vermutlich ein Herdenaustausch sinnvoll werden.

Es kommen viele Fragen, die sich auch an das Land Kärnten richten. Wie es einerseits zu den HCB-Emissionen kommen konnte, wie es weitergeht?

Ich versuche einige der Fragen so gut wie möglich zu beantworten – zu den Fehlern, die w&p bei der Blaukalkeingabe gemacht hat, den Fehlern und Versäumnissen, die es meiner Ansicht nach im Genehmigungsverfahren gegeben hat, zum Verbesserungsbedarf bei der Kommunikation zwischen den Sachverständigen, den Abteilungen der Landesregierung, der Behörden. Weise darauf hin, dass es hier Konsequenzen geben muss, die Kommunikation verbessert werden muss, die Sachverständigen mehr Verantwortungsbewusstsein zeigen müssen.

Die große Sorge besteht, wie es mit der Sanierung der Blaukalk-Deponie in Brückl weitergeht. Jeder der hier Anwesenden versteht, dass die Sanierung weiter gehen muss, weil von der Deponie Gefahren für das Grundwasser und die Luft ausgehen. Doch alle sind besorgt, dass die weitere Blaukalkverwertung möglicherweise wieder in Wietersdorf erfolgen wird. Nächste Woche soll es dazu einen Expertengipfel geben, bei dem verschiedene Lösungen geprüft werden.

Dabei darf es nicht nur um technische Fragen gehen, ob beispielsweise durch eine Investition in eine thermische Nachverbrennung der Abgase des Zementwerks die Sicherheit geschaffen werden kann, dass chlorierte Kohlenwasserstoffe zerstört werden (und es als positiven Effekt auch bei anderen Schadstoffen wie Kohlenmonoxid eine Verbesserung geben würde).

Sondern es muss auch geklärt werden, ob durch entsprechende Kontrollen wieder einigermaßen ein Vertrauen hergestellt werden kann. Und ob es für ein Projekt auch in der Bevölkerung die Akzeptanz gibt. Ein „Drüberfahren“ ist angesichts der traumatischen Erfahrungen der Menschen im Görtschitztal nicht zulässig. Eine ablehnende Haltung muss auch akzeptiert werden, dann müssten andere Lösungen (wie eine geeignete und entsprechend gesicherte Massendeponie) gefunden werden, auch wenn diese nicht ideal erscheinen und möglicherweise teurer kommen.

Die Diskussionen gehen auch noch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung fast bis Mitternacht und würden auch noch länger dauern, wenn nicht Sperrstunde wäre.

Die Diskussion wird weitergehen – Weitere Termine der Initiative finden sich auf der Webseite http://www.goertschitztal.at/veranstaltungen . Wichtig ist, dass hier die Menschen die Initiative selbst in die Hand nehmen. Im Sinne des Goethe-Zitats, dass Bernadette Liegl-Atzwanger an das Ende Ihres Referats gestellt hat:

„Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.“