Das Blaukalk-Dilemma: Zwischen Skylla und Charybdis

Veröffentlicht am 12.04.2015 um 19:05

Die Problematik um die Entsorgung der HCB-verseuchten Kalkschlamm-Deponie in Brückl erinnert fatal an den Griechischen Mythos von Skylla und Charybdis.

In Homers Epos Odyssee muss der Held mit seinem Schiff und seinen Gefährten eine enge Meerenge bezwingen. Auf dem größeren der beiden sich gegenüberstehenden Felsen der Meerenge haust das Ungeheuer Skylla, ein einst schönes Mädchen, das von der Zauberin Kirke verzaubert wurde und mit seinen Fangarmen unvorsichtige Seefahrer fing. Auf der anderen Seite das Ungeheuer Charybdis, das dreimal am Tag das Meerwasser einsaugt, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog geraten, sind verloren.

Odysseus meidet die Charybdis, gerät dabei aber nahe an Skylla heran, die sechs der Gefährten tötet und frisst. Auf der Rückfahrt (Odysseus hat mittlerweile alle Gefährten bei anderen Abenteuern verloren) muss Odysseus auf seinem zertrümmerten Schiff die Meerenge allein passieren. Als Charybdis das Schiff einsaugt, klammert er sich an einem Feigenbaum fest, bis es wieder ausgespien wird, und rudert auf den Trümmern mit den Händen davon.

Odysseus ist das Görtschitztal auf der Suche nach einer Zukunftsperspektive. Charybdis ist die undichte Kalkdeponie der Donauchemie bei Brückl, aus der laufend chlorierte Kohlenwasserstoffe wie HCB und Hexachlorbuthan entweichen. Auf den Rat der Kirke (der Wissenschafter und Sachverständigen) hat sich Odysseus nahe an die Skylla gewagt, das Zementwerk Wietersdorf, das durch die HCB-Emissionen die Gesundheit der Menschen, die Tiere, die Umwelt belastet hat.

Muss sich Odysseus (das Görtschitztal) auf dem Rückweg wieder zwischen Skylla und Charybdis entscheiden, oder gibt es eine bessere Alternative? Und wenn nicht, welchen Kurs muss Odysseus segeln, um keinem der beiden Ungeheuer zu nahe zu kommen?

Für die Sanierung der Deponie K20 gibt es mehrere Varianten (Vergleich siehe oben), von denen aber keine ideal erscheint. Trotzdem muss das Görtschitztal (wie einst Odysseus) wählen:

1. Die Sicherung der bestehenden Deponie vor Ort durch Spundwände, Abpumpanlagen mit Abwasserreinigung etc. Ziemlich sicher ist aber eine komplette Abdichtung nicht zu erreichen, die Begleitmaßnahmen wie Absaugungen und Monitoring müssten dauernd aufrechterhalten werden. Weil auch trotz teurer Sanierungsmaßnahmen Schadstoffe wie Quecksilber und chlorierte Kohlenwasserstoffe ins Grundwasser gelangen können, wird diese Variante von Fachleuten eher skeptisch beurteilt

2. Aushub des Materials und Verbringung auf eine geeignete (ausreichend gesicherte!) Deponie. Das ist zwar keine „ewig“ wirksame Lösung, aber keine abwegige Variante, weil 40% des in Brückl lagernden Materials sowieso keinen Kalkschlamm darstellen und sowieso deponiert werden müssen.

3. Die Variante der Verwertung des Kalkschlamms in einem Zementwerk – aufgrund der Vorgeschichte extrem heikel. Hier müssten einerseits die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, andererseits auch die Akzeptanz in der Bevölkerung gegeben sein.  Dabei geht es nicht nur darum, dass die Verwertung von Kalkschlamm in einem Zementwerk theoretisch die beste Lösung ist, sondern dass sie auch in der Praxis funktioniert. Hier steht der Beweis noch aus!!!

Überwachung: Wenn die Variante der Entsorgung im Zementwerk gewählt wird, muss sichergestellt sein, dass nicht nur 99% sondern praktisch 100% der CKW zerstört werden. Es müsste daher ein sehr niedriger Grenzwert angesetzt werden, der durch quasi-kontinuierliche Messungen auch permanent überwacht wird, um bei Störfällen unmittelbar reagieren zu können. Halbjährliche Messintervalle sind keinesfalls ausreichend!

Auch wären entsprechende bauliche Anlagen zu schaffen

* Eine geeignete Lagerstätte für den Kalkschlamm mit Oberflächenwassersammlung und – reinigung wäre zu errichten.

* Die einwandfreie, störungsfreie und dosierbare Einbringung des Kalkschlamms an der richtigen Stelle ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Zerstörung der CKW im Kalkschlamm nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch funktioniert. Die neu errichtete Aufgabestelle und die Dickstoffpumpe wäre so zu adaptieren, dass 100% des Kalkschlamms in der heißen Zone an der Schnittstelle zum Drehrohrofen eingebracht werden. Die Maximalmengen, bei denen Zementherstellungs- und Verbrennungsprozesse nicht durch nassen, kalten Kalkschlamm beeinträchtigt werden, sind unbedingt einzuhalten, die Anlage muss daher in der Lage sein, die Einbringungsmengen entsprechend genau zu dosieren.

* Quecksilber-Abgasreinigung: Das Quecksilber im Kalkschlamm stellt ein Problem dar, weil es verdampft. Inzwischen wurde eine Anlage zur Reinigung des Abgases von Quecksilber errichtet und in Versuchsbetrieb genommen – die Funktionsfähigkeit ist nachzuweisen.

* Thermische Nachverbrennung; Da es beim Abgas nicht nur Probleme mit HCB, sondern auch mit Emissionen von Stickoxiden, organischem Kohlenstoff und Kohlenmonoxid gibt, wäre die Errichtung einer regenerativen thermischen Nachverbrennung (900 Grad Verbrennungstemperatur) sinnvoll, um die Abgase aus dem Zementwerk sauberer zu machen und zusätzliche Sicherheit betreffend der HCB zu schaffen. Die Funktionsfähigkeit dieser Investition müsste in einem Versuchsbetrieb nachgewiesen werden.

* Endabnahme UVP unter Erfüllung aller offenen Auflagen: Es gibt aus der UVP noch Auflagen und bauliche Maßnahmen, die noch nicht umgesetzt bzw. endabgenommen wurden. Die notwendigen Maßnahmen sind umzusetzen und das entsprechende Behördenverfahren durchzuführen. Eine Konsolidierung unter Zusammenführung aller geltenden Bescheide wäre sinnvoll, um Übersichtlichkeit für Kontrollen und künftige Behördenverfahren zu schaffen.

Akzeptanz

Es gibt angeblich nur drei Zementwerke mit einem geeigneten Drehrohrofen in Österreich, von denen zwei (Wopfing und Kirchbach) bereits abgelehnt haben. Bleibt Wietersdorf als einzige Lösung?

Nach den Asbest- und HCB-Skandalen rund um das Zementwerk Wietersdorf gibt es im Görtschitztal berechtigterweise extrem wenig Vertrauen in Werksverantwortliche, Behörden, Sachverständige und Politik. Es stellt sich die Frage nach der Zuverlässigkeit des Betreibers, der in mehreren Fällen Auflagen und Vorschriften nicht oder nicht ausreichend beachtet hat.

Wenn die Zustimmung der Bevölkerung erfolgen soll, müsste das neue Projekt durch mehrfache Absicherung völlige Sicherheit bieten, also die technischen Voraussetzungen erfüllen und permanent überwacht werden.

Andererseits muss auch ein entsprechender Mehrwert, ein positiver Effekt für die Bevölkerung darstellbar werden. Das wäre der Fall, wenn die Kalkdeponie in Brückl, von der laufend Gefahr ausgeht, sicher entsorgt wird und gleichzeitig auch eine Verbesserung der Emissionssituation in Wietersdorf erfolgt. Wenn das technische Projekt z.B. durch eine thermische Nachverbrennung nicht nur alle Voraussetzungen für die totale Zerstörung der CKW erfüllt, sondern auch bei der „konventionellen“ Schadstoffbelastung eine erhebliche Verbesserung bringt. Also die Luft sauberer wird!

Alle Informationen über die Vorgänge, Projekte und über Messungen müssen für alle transparent für alle dargestellt werden. Öffnung und Einbeziehung aller interessierten (auch der kritischen) Menschen (und nicht nur eines handselektierten Bürgerbeirats).

Am Schluss könnte die Volksbefragung stehen, wobei nicht nur die BürgerInnen von Klein St. Paul, sondern auch der anderen betroffenen Gemeinden befragt werden sollten (das ist momentan noch ein rechtliches Problem, weil die Kärntner Landesverfassung Volksbefragungen in mehreren Gemeinden zu einem Thema nicht vorsieht).

Wichtig scheint es mir, den Konsens zu suchen. Es muss versucht werden, in Gesprächen auch die Akzeptanz und das Vertrauen der skeptischen Menschen im Görtschitztal zu erreichen.

Ein „Drüberfahren“ ist angesichts der traumatischen Erfahrungen nicht zulässig. Eine ablehnende Haltung muss auch akzeptiert werden!