Landärzte: Der Bergdoktor und die Realität

Veröffentlicht am 18.01.2018 um 19:32

Die bekannte Fernsehserie „Der Bergdoktor“ zeichnet ein idyllisches Bild vom Leben als Landarzt. Nach Wanderjahren in München, Paris und New York kehrt der Chirurg Dr. Martin Gruber in sein heimatliches Bergdorf zurück und wird vom örtlichen Landarzt, der in Pension gehen will, überredet, dessen Praxis zu übernehmen. So weit, so falsch.

Denn ein Chirurg kann, auch wenn er in seiner Fachrichtung viel Erfahrung hat, heutzutage nicht einfach Landarzt werden, weil er die Ausbildung als Allgemeinmediziner nach der geltenden Ausbildungsverordnung nicht vorweisen kann. Durch den enormen Fortschritt der medizinischen Forschung ist das Fachwissen in den einzelnen Sparten sehr spezialisiert und ein Wechsel von einer in eine andere Fachrichtung nicht so einfach möglich.

Die jungen Ärztinnen und Ärzte von heute müssen schon gleich nach ihrem Medizinstudium und der neunmonatigen Basisausbildung entscheiden, ob sie ihre Ausbildung zum Facharzt oder zum Allgemeinmediziner machen wollen.

Mit dem sechs Jahre dauernden Medizinstudium, der neunmonatigen Basisausbildung und der dreijährigen Ausbildung zum Allgemeinmediziner dauert es rund zehn Jahre, bis ein junger Mediziner, der dann gar nicht mehr so jung ist, eine Stelle als Landarzt übernehmen kann. Es dauert daher also sehr lange, bis ein Mangel in einer Sparte durch die Ausbildung von jungen Ärzten ausgeglichen werden kann. Und die Situation bei den Landärzten wird nicht dadurch erleichtert, dass es auch noch andere Fachrichtungen gibt, wo dringend Ärztenachwuchs gesucht wird.

Das Jammern über die schlechte Situation, die hohe Arbeitsbelastung und die nicht so tollen Verdienstmöglichkeiten der Hausärzte, das ich hier von Vertretern anderer Parteien gehört habe, ist wenig hilfreich für die Entscheidung, denn es schreckt junge Mediziner noch mehr ab, diesen Weg zu wählen. Wir brauchen positive Anreize, damit ein junger Mensch die Stelle als Landarzt als lohnende Aufgabe für sich sieht.

Ich habe meinen Sohn gefragt, der im Dezember sein Medizinstudium erfolgreich beendet hat und jetzt vor der Entscheidung steht, Facharzt oder Allgemeinmediziner zu werden, welche Argumente für ihn und seine KollegInnen entscheidend wären, den Weg zum Landarzt zu wählen.

Er hat gemeint, dass es vor allem eine persönliche Entscheidung ist: Da zählen Wertschätzung durch Bevölkerung und Ärzteschaft, Einkommensmöglichkeiten, die Arbeitszeitgestaltung, aber auch das Lebensumfeld.

Es sei nur schwer möglich, Menschen aus urbanen Räumen für periphere, strukturschwächere Regionen wie Kötschach-Mauthen zu gewinnen. Wenn eine Region vom Bevölkerungsabgang geprägt ist und Infrastruktur verliert, dann ist es für einen jungen Menschen nicht sehr attraktiv, dorthin zu ziehen, außer man ist dort aufgewachsen und hat familiäre und freundschaftliche Bindungen.

Daher ist es umso wichtiger, Kärntner aus dem ländlichen Raum für das Medizinstudium zu begeistern und ihnen eine Rückkehr nach Kärnten nach Absolvierung des Studiums schmackhaft zu machen. Da geht es weniger darum, mehr Studienplätze zu schaffen, sondern einen größeren Anteil der AbsolventInnen nach Kärnten zu locken, zB. durch attraktive Verdienstmöglichkeiten, die besser sein sollten als in den urbanen Räumen. Das wäre erreichbar durch eine faire Leistungsabgeltung und die Zulassung von Hausapotheken. Durch Gemeinschaftspraxen könnte eine Arbeitsentlastung erfolgen. Ein gutes Kinderbetreuungsangebot ist eine wichtige Voraussetzung, um junge Ärzte zu ködern, sich am Land niederzulassen.

Einen wichtigen Anreiz bieten gute Ausbildungsverhältnisse an den Kärntner Krankenhäusern. Das Rotieren durch die Abteilungen ist heute schon Standard, wichtig wäre es, dass die Jungmediziner auf den Abteilungen nicht nur Hilfstätigkeiten ausüben sondern die Diagnosestellung und Behandlungen unter Aufsicht selbständig trainieren können. Derzeit ist es oft so, dass die angehenden Ärzten an den Abteilungen die ungeliebte Arbeit abnehmen müssen, aber nicht lernen, die Blutgerinnung, den Blutzucker etc. einzustellen. Künftig sollte die Ausbildung genau darauf zugeschnitten werden, was ein Allgemeinmediziner in seiner Praxis braucht. Die Ärzte an den Abteilungen müssen genügend Zeit haben, sich auch der Lehre und Weitergabe des Wissens an die Jungmediziner zu widmen und die für die Turnusärzte vorgesehenen Mentoren müssen auch aktiv werden.

Die gesellschaftliche Anerkennung in Verbindung mit dem Gefühl, sich die Kompetenzen aneignen zu können, um den späteren beruflichen Anforderungen gewachsen zu sein, ist ein wichtiges Kriterium. Eine akademische Aufwertung des Berufsbilds des Allgemeinmediziners wäre wünschenswert. Denn die Aufgabe als Landarzt ist nicht leicht: Die Anforderungen werden immer höher, weil das medizinische Wissen immer tiefer geht, aber ein Allgemeinmediziner nicht das Spezialwissen von Fachärzten haben kann. Das Tätigkeitsprofil ist eine Art Gatekeepingfunktion, in dem der Allgemeinmediziner die Patienten auf die richtige Diagnoseschiene bringt und von Spezialisten eine entsprechende Diagnose und Therapievorschläge bekommt und diese gemeinsam mit dem Patienten umsetzt.

Das Problem ist kein Kärnten spezifisches. Eine britische Studie hat als Motive für eine Karriere in der Allgemeinmedizin die Aspekte Lebensqualität, die Job-Zufriedenheit und die fehlende Wertschätzung für Allgemeinmediziner innerhalb der Ärzteschaft und der Öffentlichkeit identifiziert. Eine gute Work-Life-Balance (also die Vermeidung von Arbeitsüberlastung), eine faire Bezahlung und die Sicherheit des Arbeitsplatzes wären hilfreich, sich für die Karriere als Allgemeinmediziner zu entscheiden.