Wenn der Amtsweg in die Sackgasse führt

Veröffentlicht am 18.02.2015 um 20:31

HCB-Kuh

Heute fand im HCB-Untersuchungsausschuss die nächste Zeugenbefragung statt. Hannes Zechner, der Geschäftsführer der Sonnenalm-Molkerei, schilderte eindrücklich, wie er im März zum ersten Mal über einen Kunden erfahren hat, dass Produkte der bäuerlichen Genossenschaft mit HCB verunreinigt waren – es wurden zwar keine gesetzlich Grenzwerte überschritten, doch für den Kunden war es wichtig, dass  die von ihm verkauften Bioprodukte vollkommen schadstofffrei sind.

Das spricht für Bioqualität, das spricht für das Konzept der Direktvermarktung in der Sonnenalm-Molkerei: Denn überall anders, in großen Molkereien, werden die Milchmengen zusammengeschüttet und verdünnt, da wäre nie entdeckt worden, dass es ein HCB-Problem gibt. Wenn es die Sonnenalm-Molkerei und ihren Geschäftsführer Zechner nicht gegeben hätte, der in den folgenden Monaten akribisch nach den Ursachen gesucht und bei den Behörden immer wieder nachgebohrt hat, würde Wietersdorf wahrscheinlich noch heute Blaukalk verbrennen und die Umwelt belasten.

Dafür sei Zechner an dieser Stelle gedankt. Und ich entschuldige mich an dieser Stelle für einige meiner Abgeordneten-Kollegen, die in der heutigen Befragung das Opfer manchmal zum (Mit)Täter machen  wollten. Das hat sich die Sonnenalm-Molkerei nicht verdient. Denn sie hat wirklich versucht, ihren Kunden ein einwandfreies biologisches Produkt zu liefern, hat versucht, die Ursachen der HCB-Verunreinigung zu finden, hat auch bei sich selber gesucht (aber nichts gefunden, weil der Verursacher ja ein anderer war), hat die Behörden von sich aus informiert.

Zechner hatte es nicht einfach: Die Veterinär- und die Agrarbehörde vermuteten erst Altlasten aus dem Boden, die in den 80er Jahren durch HCB-haltige Pilzbekämpfungsmittel  dort hineingelangt seien – nicht sehr plausibel in einem Grünlandgebiet, in dem nie intensiver Ackerbau betrieben wurde. Die Überlegung, dass das Zementwerk Wietersdorf ein Verursacher sein könnte (durch einen Unfall) kam schon relativ früh auf, wurde aber nicht ernsthaft weiterverfolgt. Erst im September wurde der Experte der Umweltabteilung für Luftreinhaltung informiert, dieser veranlasste dann die Abgasmessungen am Abgasschlot des Zementwerkes, die dann Wietersdorfer eindeutig als Verursacher identifizierten.

Landesveterinär Holger Remer, der heute auch vorm Ausschuss aussagte, informierte zwar den Leiter der Umweltabteilung Harald Tschabuschnig, hüllte sich in seinem Email aber bezüglich der Details in Schweigen, sodass die Umweltabteilung vorerst keinen dringenden Handlungsbedarf und keine Anhaltspunkte sah. Bei einer Besprechung im April zwischen der Agrarabteilung, dem Landesveterinär, der Landwirtschaftskammer und den Bauern wurde zwar gesagt, dass die Materie die Landesräte Prettner, Holub und Waldner betrifft. Remer hielt es aber nur notwendig, seinen Vorgesetzten Wolfgang Waldner zu informieren. Die Gesundheitslandesrätin und der Umweltlandesrat erfuhren erst im November von dem HCB-Problem, konnten also auch nicht vorher tätig werden.

So führt der Amtsweg manchmal in eine Sackgasse. Moderne Kommunikation schaut anders aus. Wenn hier nur ein paar Mal die Emails CC an andere Abteilungen bzw. die Büros der anderen betroffenen Landesräte weitergeleitet worden wären, dann hätte das Rätsel um die HCB-Kontaminationen möglicherweise schon ein halbes Jahr früher gelöst werden können. Nicht ganz unwesentlich, weil wie die Lieferscheine aus Brückl zeigen, sind gerade Ende des Sommers Blaukalkchargen mit hohen CKW-Kontaminationen in Wietersdorf zur Verarbeitung gelangt: Da hätte einiges vermieden werden können.

Die Nicht-Weitergabe von wichtigen Informationen zwischen den einzelnen Dienststellen des Landes und das Kastl-Denken, wo viele Verantwortliche nur ihren eigenen Bereich sehen und nicht vernetzt denken, sind überhaupt Muster, die sich durch die ganze Geschichte der UVP Wietersdorf, die Erstellung der Bescheide und deren Überprüfung ziehen. Hier wird man sich moderne Informationsmanagement-Systeme überlegen müssen, damit wichtige Infos nicht monopolisiert, sondern an alle, die es wissen sollen verteilt werden.

Was mich heute aber besonders betroffen gemacht hat ist die schwierige Situation der Sonnenalm-Molkerei und der Bauern und Bäuerinnen im Görtschitztal. Während sich die Situation bei der Milch durch den Futtermitteltausch langsam bessert, ist das Fleisch der Kühe, die im letzten Sommer lange auf der Weide gestanden haben, leider noch stark belastet. HCB ist heikel, nicht weil es so giftig ist (da gibt es schlimmere Umweltgifte), aber weil es sich in der Umwelt schlecht zersetzt. Hier muss der Kreislauf des HCB zwischen Futter-Kuh-Milch-Kalb-Mist-Futter durchbrochen werden und das HCB dauernd aus dem Verkehr gezogen werden. Das wird noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten, zumindest im heurigen Jahr.

Und dann ist zu überlegen, wie die ohne Schuld zu Schaden gekommenen Direktvermarktungsbetriebe wie die Sonnenalm-Molkerei wieder auf die Beine kommen können. Zechner hat bereits ein Konzept im Kopf, vorerst mit unbelasteter Milch aus anderen Regionen zu starten, bis die Görtschitztaler Milch wieder vollkommen unbelastet und sicher ist. Klingt vernünftig. Für Marketing und die Qualitätssicherung muss hier aber Geld in die Hand genommen werden, was nicht einfach ist, weil die Molkerei ja seit 3 Monaten steht, keine Erträge abwirft sondern nur Kosten verursacht.

Der Landtag hat bereits im Dezember in einem Dringlichkeitsantrag beschlossen, dass die Betriebe im Görtschitztal unterstützt werden sollen. Die Sonnenalm-Molkerei hat hier bei Landesrat Benger und Landeshauptmann Kaiser einen entsprechenden Antrag gestellt. Zusagen stehen aber noch aus. Hier wären Taten statt Worte gefordert, um mit Greenpeace zu sprechen.